Die Macht des Digitalen

„Digital First. Bedenken Second.“ – dieses Statement und ein auf dem Smartphone tippender Politiker waren Sujet eines Parteiplakats zur diesjährigen Bundestagswahl. Dass es „irgendwas mit digital“ in den Wahlkampf schafft, steht paradigmatisch für die gesellschaftliche Bedeutung der Digitalisierung, die unsere Art zu arbeiten und zu leben maßgeblich verändert. Gleichzeitig wird bereits hier erkennbar, dass es sich bei der Digitalisierung nicht nur um eine technische Veränderung, sondern auch um gesellschaftliche Machtverhältnisse handelt.

Hoffnungen und Ängste im digitalen Zeitalter

Das Wort Digitalisierung bündelt einerseits Hoffnungen und skizziert das Bild einer besseren Welt. Mit dem sogenannten „Internet der Dinge“ erscheint ein Horizont neuer Möglichkeiten, wie die eigenen vier Wände „smart“ zu steuern. Die Werbung zu Amazons Alexa zeigt uns einen, dank Sprachsteuerung und Vernetzung mit allen Geräten, völlig spielerischen Tagesablauf. Und auch der Slogan „Arbeit 4.0“ verspricht ein Zeitalter nie dagewesener Effizienz, in dem Maschinen dank künstlicher Intelligenz mitdenken.

Die Macht der Maschinen ist aber seit jeher auch mit großen Ängsten verbunden – vor allem Kunst und Science Fiction führen uns das immer wieder plakativ vor Augen. Selbst der bekannte Digitalunternehmer Elon Musk warnt davor, eines Tages die Kontrolle über die künstliche Intelligenz zu verlieren. Seine eigene Arbeit sieht er daher als Aufgabe, das ‚Terminator‘-Szenario, also die Herrschaft der Maschinen über den Menschen, zu verhindern. Solche spekulativen Dystopien werden von viel realeren Ängsten begleitet: etwa durch selbstfahrende Autos als Taxifahrerin überflüssig zu werden oder in Zeiten von „Big Data“ jeden Anspruch auf Privatsphäre zu verlieren.

Menschen als Cyborgs

Diese Hoffnungen und Ängste verdecken jedoch teilweise, worum es eigentlich geht: gesellschaftliche Machtverhältnisse. In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Als im England des 19. Jahrhunderts die industrielle Massenproduktion einsetzt, ist es Karl Marx, der auf neue soziale Konflikte aufmerksam macht. Auf der einen Seite die Macht des Bürgertums und Kapitals, die die großen Maschinen und Fabrikanlagen besitzen; auf der anderen das Proletariat, das über keine eigenen Produktionsmittel verfügt.

In ähnlicher Weise lassen sich die gegenwärtigen Verhältnisse mit Hilfe der amerikanischen Historikerin Donna Haraway deuten. Sie hat bereits in den 1980ern analog zu Marx‘ „Kommunistischem Manifest“ „Ein Manifest für Cyborgs“ verfasst: Die Grenze zwischen Menschen und Technik würde sich, so Haraway, immer weiter auflösen; die Macht konzentriere sich genau dort, wo die beiden Bereich miteinander verschmelzen. Aus heutiger Sicht sind das z.B. Orte, an denen persönliche Daten zusammenlaufen und durch Algorithmen verarbeitet werden – Facebook mag nicht über die Produktionsmittel im klassischen Sinne verfügen, aber das soziale Netzwerk „kennt“ eine Milliarde Menschen und kann jede Person individuell adressieren.

Im Bereich der sozialen Kontrolle ist die Funktion digitaler Techniken mit der Architektur des Panoptikums vergleichbar: Wer sich im Netz bewegt, wird dabei ständig beobachtet und dass das geschieht, registriert man in Echtzeit – etwa in Form personalisierter Werbung, zugeschnitten auf das aktuelle Verhalten.

Die Macht des Digitalen ist durch ihre Verschränkung von Mensch und Technik in alle Lebensbereiche eingedrungen. Das Smartphone und unsere mit unterschiedlichen Diensten synchronisierten Accounts sind das beste Beispiel. Während man bestimmte Orte wie die Fabrik oder die Schule hinter sich lässt, schafft die virtuelle Präsenz eine Sphäre, in der man sogar noch existiert, wenn man die physische Welt schon verlassen hat.

Von: Alexander Hirschfeld

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