Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen

Die Sternchen auf Amazon verraten uns, was andere Leserinnen und Leser von einem Buch halten und die Internetseite jameda wirbt mit 1,5 Millionen Bewertungen, 85,000 online buchbaren Terminen und 275,000 eingetragenen Ärztinnen. Super, endlich wissen wir, was sich zu lesen lohnt und welchen Ärzten man lieber aus dem Weg geht. Doch welche soziale Bedeutung haben diese Techniken der Bewertung und wie verändern sie unsere Gesellschaft?

Die Macht der Zahlen

Darum geht es in „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen“, dem gerade erschienenen Buch von Steffen Mau. Vor kurzem habe ich mir an der Humboldt Universität die Buchvorstellung angesehen. Zentrale Message: Die Digitalisierung ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein soziales Phänomen. Durch diesen Perspektivwechsel werden eine ganze Reihe wichtiger Fragen und Probleme sichtbar.  

Warum vergleichen wir? Weil wir es können und weil wir Zahlen zur besseren Orientierung in der „entzauberten Welt“ (Max Weber) nutzen. Quantifizieren und Vergleichen sind Praktiken, die wir verinnerlicht haben. Besonders neu ist das natürlich nicht. Darauf weist auch die als Diskutantin eingeladene Philosophin Rahel Jaeggi hin: Schon Georg Simmel hat vor gut hundert Jahren gezeigt, dass das Geld der gleichen Logik folgt: An die Stelle qualitativer Eigenarten tritt der Preis des Produkts. Geld macht alles mit allem vergleichbar.

Digitalisierung als Motor der Quantifizierung

Was also ist neu am ‚metrischen Wir‘? Spannend ist, dass Mau diese klassischen Einsichten mit der Digitalisierung in Verbindung bringt. Laut Autor entstehen ‚dank‘ der neuen technischen Infrastruktur – Smartphone, Cloud, Synchronisierung, usw. – Formen der Bewertung und Selbstvermessung in immer mehr Lebensbereichen. Und das hat Folgen: So verwandelt beispielsweise eine Fitness-App mit ihrem individuellen Gesundheitsscore das persönliche Wohlbefinden in ein graduelles Phänomen. Man ist nicht mehr länger krank oder gesund, sondern hat einen bestimmten Wert auf einer Skala. Außerdem kann ich an meinem Score ‚arbeiten‘ und ihn mit anderen vergleichen.

Ratings und Rankings bei Fitness-Apps, Uber, Amazon, usw. sind also nicht nur technische, sondern vor allem auch gesellschaftliche Phänomene.  Ein weiteres illustratives Beispiel liefert der Autor mit dem ersten Amazon-Buchladen, vor kurzem in Manhattan eröffnet. Hier bewegt man sich wie im Netz in einer Welt der Ratings und Rankings: Ein Regal etwa wirbt mit Büchern, die im Durchschnitt über 4,8 von 5 Sternen erhalten haben.

Digitaler Kapitalismus

Das Ziel all dieser Techniken: die meisten Reviews, die beste Bewertung, der höchste Gesundheitsscore usw. Welche Konsequenzen das für die Gesellschaft hat, scheint klar – es entstehen immer mehr Wettbewerbe. Das mag in vielen Fällen eine höhere Transparenz und einfachere Zugangsvoraussetzungen zu Informationen bedeuten.

Was sich jedoch auch zeigt, ist ein Matthäus-Effekt: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Wer etwa bereits massig Kontakte und Views auf seinem LinkedIn-Profil besitzt, kann sein soziales Kapital auf der Plattform auch in Zukunft schneller steigern. Die digitale Quantifizierung folgt vor allem den Regeln des Marktes – ein Aspekt, den Mau leider nur am Rande berücksichtigt. Internet, Smartphone, soziale Netzwerke usw. messen und vergleichen immer mehr Aspekte unseres Lebens in Echtzeit: So entsteht das ‚metrische Wir‘. Durch die Etablierung dieser Techniken in unseren alltäglichen Routinen werden wir Teil eines digitalen Kapitalismus.

Von: Alexander Hirschfeld

Link zum Buch „Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen“ von Steffen Mau

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