Das bin ICH – mit jedem Klick ein bisschen mehr

Woher kommst du? Was ist dein Lebensmotto und wie sieht deine Biographie in 100 Zeichen aus? Wer bist du eigentlich? Solche Information lässt sich im Steckbrief unseres Facebook-Profils sammeln und kaum etwas in den Sozialen Medien dürfte für uns „Digital Natives“ beiläufiger sein. Zugleich aber dient diese Banalität als Fingerzeig: Sie deutet an, dass eben nicht nur Kommunikation in den digitalen Raum verschoben wird, sondern auch diejenigen, die daran Teil haben. Was aber bedeutet das für uns und unser Selbstbild?

Spieglein, Spieglein…

Wie bereits der amerikanische Soziologie Charles Cooley vor etwa hundert Jahren feststellte, entsteht die menschliche Identität nicht im stillen Kämmerlein, sondern in Interaktion mit anderen. Cooley spricht vom „Looking Glass Self“: Man stellt sich vor, wie andere einen sehen und bewerten und richtet sein Denken und Handeln daran aus. Social Media-Plattformen wie Facebook gleichen in ihrer Wirkung solch einem Spiegel: ein Spiegel, in den wir blicken, auf der Suche Anerkennung und einem Bild von uns selbst.

Mag unser Selbstbild dabei anfangs noch eher eindimensional erscheinen, so lädt die Fülle der gestalterischen Möglichkeiten dazu ein, es vielschichtiger zu machen, ihm einen unverwechselbaren Stil und eine interessante Wirkung zu verleihen. Ein bestimmtes Ziel vor Augen, arbeiten wir konzentriert und gewissenhaft an uns selbst. Die angestrebten Merkmale und Eindrücke, etwa eine bestimmte Ästhetik, von der unsere Instagram-Posts Zeugnis ablegen, lassen sich ob der Diversität der Präsentationsformen unendlich verfeinern.

Vorhang auf im Internet

Diese Arbeit an unserem digitalen Selbst ist eine durch und durch interaktive Angelegenheit: Das hingebungsvoll behandelte Bild unserer (Wunsch-)Identität begegnet anderen als eine Präsentation unserer Person – und da man dem Urteil des gesamten Netzes ausgesetzt ist, bewegt man sich wie auf einer Bühne, auf der wir alle „Theater spielen“ (Erving Goffman). Und wie der Mime im Theater sind wir darauf angewiesen, uns des Gelingens unserer Darstellung zu vergewissern, wir brauchen Resonanz: Haben wir unsere Rolle überzeugend gespielt? War unsere Maske authentisch ausgestaltet, oder haben sich Risse der Unsicherheit gezeigt? Letztlich also: Werden wir Beifall in Form zahlreicher Likes und bestätigender Kommentare erhalten?

Der Wert unseres „Ich“ ist also an die Reaktion eines Publikums gebunden. Es wird damit eine Ernsthaftigkeit ins Spiel gebracht, die für den Darstellenden, der auf den Schutz eines anonymisierten Nutzernamens verzichtet, mit einem Gelingensdruck und folglich einem Risiko zusammenfällt. Denn eben weil das ‚richtende‘ Publikum vor dieser digitalen Bühne so viel größer ist als unser alltägliches, dem wir innerhalb eines sicher-vertrauten Freundes- oder Familienkreises begegnen, fällt nicht nur im Falle eines gelungenen Spiels der Beifall, sondern im Falle eines Misserfolgs auch das Schweigen ausbleibender Anerkennung umso spürbarer aus.

The show will go on

Warten wir dann einmal vergeblich darauf, dass der wertende Daumen sich hebt, so verweist die Geste der Ablehnung darauf, dass angestrebtes Selbstbild und bewirktes Fremdbild sich unversöhnlich gegenüberstehen – das Projekt unseres digitalen Selbst scheint gescheitert zu sein. Was also tun? Weitermachen lautet an dieser Stelle die Maxime, denn letztlich bedeutet ein Scheitern nichts weiter als die Geburtsstunde eines neuen Projekts.

Genau darum, so Felix Klopotek, gehe es schließlich beim „Ich-Projekt“: Sich immer wieder neue Ziele zu setzen. Das ist, was man „Leben im Entwurfsstadium“ nennen kann. Denn Erfolg und Misserfolg unserer Projektarbeit haben vor allem eines gemein: Sie sind kurzlebig. Von weitaus größerer (und grundlegender) Bedeutung für den im digitalen Raum auf die Spitze getriebenen Präsentationszwang ist da die Gewissheit, dass der Vorhang sich stets zur nächsten Aufführung unseres digitalen Ichs heben wird.

Von Maximilian Thieme und Alexander Hirschfeld

Photo credit: ursonate via Visualhunt / CC BY