Flexibles Frausein: Einmal alles, bitte!

Die Flexibilität der Arbeit wird seit langem als wichtiger Schritt der Individualisierung gefeiert. Vom morgendlichen Arbeitsantritt bis hin zum Arbeitsplatz, alles wird immer stärker an die Bedürfnisse der Arbeitnehmenden angepasst: Gleitzeit, Home Office, Skype-Konferenzen, Yoga-Stunden und Kickern im Büro.

Flexibilität ist aber nicht nur ein Versprechen, sondern auch ein Imperativ: Heute muss man beweglich sein und beweglich bleiben. Dabei reicht dieser Imperativ weit über das Arbeitsumfeld hinaus. Private Lebensbereiche wie der Wohnort sind davon ebenso berührt wie körperliche Belange: Am Beispiel des sogenannten „Social Freezings“ lässt sich nachzeichnen, dass selbst die menschliche Biologie vom Ideal der Flexibilität eingeholt wird.

Smart Women Freeze”

Doch was verbirgt sich hinter der Bezeichnung Social Freezing? Social Freezing ist eine Ausweitung des schon länger praktizierten Einfrierens von Eizellen. Lange Zeit galt diese Methode noch als zu unausgereift und risikoreich: Eizellen wurden nur aus medizinischen Gründen präventiv eingefroren, wenn beispielsweise Krebspatientinnen vor einer Chemotherapie sicherstellen wollten, auch nach der Behandlung noch Kinder bekommen zu können.

Im Herbst 2014 wurde bekannt, dass nun auch aus „sozialen Gründen“ Eizellen eingefroren werden können. Im gleichen Jahr häuften sich Berichte über große amerikanische High-Tech Unternehmen wie Apple und Facebook, die das Einfrieren von Eizellen finanzieren, um Karriere und Lebensplanung von Frauen besser abstimmen zu können – das New Yorker Unternehmen EggBanxx wirbt etwa mit dem Slogan „Smart Women Freeze“. Damit scheint sich das „Projekt Familie“ nun unabhängig von der aktuellen Jobsituation, Lebensphase oder Beziehung planen zu lassen.

Projekt Leben

Diese Entwicklung rief BefürworterInnen und KritikerInnen gleichermaßen auf den Plan: Während die eine Seite die neugewonnene Freiheit betont, rückt die andere die Rechte der Persönlichkeit gegenüber den Unternehmen in den Vordergrund (Spiegel-Artikel). Dabei wird jedoch verkannt, worum es sich beim Social Freezing eigentlich handelt. Solche technischen Neuerungen sind nämlich gerade keine staatlichen oder unternehmerischen Zwangsmaßnahmen, sondern sie versuchen direkt an den Interessen und Bedürfnissen der Menschen anzusetzen. Und genau aus diesem Grund sehen viele Frauen diese Planbarkeit als ein attraktives Angebot.

Die Technik ist Teil der sozialen Realität. Wenn also so etwas wie Social Freezing entsteht, dann spiegelt das den Wandel gesellschaftlicher Selbstverständnisse in Richtung der Flexibilität wider. Der Soziologe Ulrich Bröckling spricht in diesem Zusammenhang vom „unternehmerischen Selbst“. Das unternehmerische Selbst hat seinen Ursprung vor allem in den Forderungen nach mehr Autonomie und Selbstbestimmung. Der Fokus liegt auf dem Individuum, das sein Leben als ein frei gestaltbares Projekt empfindet.

Dazu passt die Möglichkeit, seine Eizellen einfrieren zu lassen, um zu einem späteren Zeitpunkt als in dem biologisch begrenzten Rahmen Kinder zu bekommen. So können die Grenzen des Menschseins – oder vielmehr des Frauseins – überwunden und ein Kinderwunsch erfüllt werden, obwohl z.B. gerade die langjährige Beziehung zerbrochen oder die berufliche Situation ungünstig ist.

Der Zwang zur Freiheit

Doch wie Bröckling betont, verbirgt sich hinter der neuen Flexibilität ein Zwang, die damit verbundenen Freiheiten auch zu nutzen. Die dem Social Freezing scheinbar entsprungenen Wahlmöglichkeiten in der Karriere- und Lebensplanung bergen daher die Gefahr, nicht mehr nur neue Optionen zu sein, sondern zur Pflicht zu werden. Denn es ist durchaus denkbar, dass genau diese Flexibilität in Zukunft von immer mehr Frauen erwartet wird. Dazu braucht es weder Staaten noch Unternehmen, die so etwas aktiv einfordern. Die Macht des Marktes und der Druck zur Selbstoptimierung sind heute stärker als jede Form der Autorität.

Social Freezing lässt Frauen also einerseits den Wind der Freiheit spüren: Sie müssen sich nicht mehr an die Spielregeln der Natur halten. Eine Frau kann Kinder bekommen, wann sie will und befreit sich somit von ihren biologischen Grenzen. Andererseits greift der Mechanismus des Marktes genau dort zu, wo diese neuen Freiheiten entstehen. Die „biologische Flexibilität“ wird dann zum Imperativ in einer Welt, die die Anpassungsfähigkeit höher als alles andere bewertet. Damit stellt sich abschließend die Frage, ob sich mit dem Social Freezing womöglich der doppelte Anspruch an Frauen verhärtet: „gute Mutter“ und „Karrierefrau“ gleichermaßen sein zu müssen.


Von Annelie Wulff und Jennifer Zielonka

Annelie Wulff und Jennifer Zielonka sind Studentinnen der Soziologie und Philosophie bzw. Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

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