America first, Germany second! – Wagniskultur und Frittenbude am Forschungsgipfel

America first, Germany second! So oder so ungefähr lässt sich die zentrale Botschaft des Forschungsgipfels zusammenfassen, bei dem im politischen Zentrum Berlins wichtige Leute in Anzug und Kostüm aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenkamen, um über Deutschland im digitalen Zeitalter zu sprechen – Hashtag #FoGip17.

Als Blogger begleitete ich den Gipfel und durfte beobachten, wie die politischen Agenda-Setter das beschworen, was Max Weber bereits vor über 100 Jahren als ‚Geist des Kapitalismus‘ bezeichnet hat. Die Luft flirrte dabei nur so vor Buzzwords, den innovativen Amerikanern wurde Tribut gezollt und der ungewollte, aber höchst passende Auftritt der virtuellen Assistentin Siri am Podium „Das habe ich leider nicht verstanden“ zählte zu den launigen Highlights des Konferenztages. Und er wurde mit einer großen Selbstverständlichkeit und aus einer selbstbewussten Position heraus begangen.

Autos können wir, Disruption brauchen wir

Worin man sich einig ist: Während wir Deutsche gekonnt an unseren Autos schrauben und im Maschinenbau Altbewährtes immer besser machen, finden jenseits des großen Teichs die echten Neuerungen statt. Oft ist die Rede von digitalen Marktplätzen wie Amazon oder dem Technologiekonzern Google. Deshalb scheint der Platz an der Spitze über Jahrzehnte zementiert, Zweiter – davon ist man überzeugt – kann man aber auf jeden Fall werden. In Sachen Roboter ist man ganz vorne und auch ein paar erfolgreiche Startups stammen aus deutschem Hause. Woran es jedoch hapert: am revolutionären Geist. Da gibt es unter den Vortragenden keinen Zweifel, er ist jener Teil der Magic Potion, den die Amerikaner besitzen und dessen Fehlen den Deutschen in den nächsten Jahren zum Verhängnis werden könnte.

Daher macht sich der Forschungsgipfel sein Motto zur Aufgabe: „Aufbau einer neuen Innovations- und Wagniskultur.“ Die Menschen im Land müssten sich mehr trauen und offener für Veränderungen sein. Das Buzzword: Disruption. Disruptive Innovationen erschaffen Neues und machen das Alte überflüssig. Der Unterschied zwischen den USA und Deutschland: Die können das, wir nicht.

Das ist laut Chef des Kanzleramts, Peter Altmaier, der Grund dafür, dass sich Facebook und nicht StudiVZ als soziales Netzwerk durchgesetzt hat. Während man sich, so der Bundesminister, bei der „Gründung“ einer Frittenbude auf relativ sicherem Terrain bewegt, fordern digitale Welt und Biotechnologie eine wesentliche höhere Bereitschaft zum Risiko – hier ist eben Entdecker- und Pioniergeist gefragt.

Aus diesem Grund machen sich die Teilnehmenden daran, das zu planen, was per Definition kaum planbar ist – das Unbekannte. Während die Digitalisierung als globale Naturerscheinung einer beschleunigten Welt wahrgenommen wird, kreist die Suche nach der nötigen Kultur und Lebenseinstellung um die jungen schnell wachsenden Unternehmen, die Startups.

Startups: belächelt und bewundert

Dabei wird deutlich, dass die etablierten VertreterInnen der deutschen Wirtschaft ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Phänomen haben. So bemüht sich Ralf Lenninger von der Continental AG gleich zu Beginn seines Beitrags darum, das Wort Startup zu entzaubern: „Continental war vor 140 Jahren ein Startup, hat zweimal einen Konkurs gemacht und ist beim dritten Mal durchgekommen. Gilt übrigens für jedes Unternehmen. So viel zu dem Thema Startup-Diskussion.“ Wo sich sein Büro befindet? Selbstverständlich im Silicon Valley.

Gisbert Rühl, Vorstand von Stahlriese Klöckner und Co, ist ein Fan dieses ‚neuen‘ Unternehmertums. Er zeichnet das Bild großer Konzerne im Würgegriff staatlicher Überregulierung und kurzfristiger Aktionärsinteressen. Im Silicon Valley hätten demgegenüber die GründerInnen noch „die Zügel in der Hand“, viel Platz für die nötige Disruption also. Rühl berichtet, dass man sich die Innovation nun auch ins eigene Haus geholt hat, indem die Berliner Startup-Szene selektiv angezapft wird. Im Betahaus, einem Coworking Space in Kreuzberg, hat man vor drei Jahren damit angefangen und  „beschäftigt mittlerweile dort 40 sogenannte ‚digital natives‘“.

Die deutsche Wirtschaft scheint also entweder kleine Außenposten zu errichten oder die ‚Startup-Szene‘ systematisch zu infiltrieren. Insgesamt fällt es den ExpertInnen jedoch nicht leicht, jenseits solcher Anekdoten die Kultur zu konkretisieren, die sie fordern. Das mag auch daran liegen, dass GründerInnen bei der Veranstaltung rar gesät sind und den theoretischen Ausführungen des Forschungsgipfels eher andächtig lauschen als selbst das Wort zu ergreifen.

Und die anderen?

Zu kurz kommen an diesem Tag auch wichtige Debatten über die Rolle des Staates, gesellschaftliche Integration und soziale Ungleichheit. Auf der einen Seite will man waghalsiges Unternehmertum, das Dinge in Bewegung setzt. Auf der anderen Seite soll es nachhaltig, sozial gerecht und selbstverständlich demokratisch zugehen.

Dass sich zwischen diesen Ansprüchen doch die eine oder andere Konfliktlinie auftut, ist offensichtlich, wird aber kaum thematisiert, auch wenn Jutta Allmendinger, Präsidentin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialwissenschaften, dieses Themenfeld zumindest anschneidet. Disruption ja, aber wozu genau? Und wo bleibt da der Rewe-Mitarbeiter oder die Fabrikarbeiterin?

Gerade vor diesem Hintergrund gilt es noch stärker den Mythos aufzubrechen, dass mit dem Jungunternehmertum – Silicon Valley, Elon Musk und Co – automatisch die schöne neue Welt von morgen entsteht.

Von Alexander Hirschfeld

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