Harry Potter und der lange Arm der Disziplin

Geschichten, wie die um Harry Potter, haben auf den ersten Blick mit der Realität wenig zu tun. In gewisser Hinsicht dienen sie ja auch dazu, für einen Moment dem Alltag zu entfliehen. Doch ganz so liegen die Dinge nicht:  Denn betrachtet man die magische Welt des jungen Zauberers einmal aus einer soziologischen Perspektive, so wird man schnell merken, dass soziale Strukturen auch vor dem Reich der Phantasie nicht Halt machen.

In ‚Harry Potter und der Stein der Weisen‘ beginnen Harry, Ron und Hermine ihren Weg am Bahnhof King’s Cross, der – symbolisiert durch das ‚Gleis neundreiviertel‘ – eine Parallelwelt öffnet. Bereits im Zug greifen die ersten weltlichen Mechanismen: Es handelt sich trotz aller Mystik um eine profane Art des Reisens, die die Schülerinnen und Schüler Richtung Hogwarts bringt. Sie folgen einem vorherbestimmten Pfad – das Ziel: die Ausbildung zur Zauberkunst.

Hogwarts, die totale Institution

Nach der Ankunft betreten die jungen Zauberer und Hexen eine „totale Institution“ (Erving Goffman): Denn Hogwarts ist neben aller Magie und Romantik eben auch eine Schule, genauer gesagt ein Internat. Dort werden sie in einen sozialen Raum aufgenommen, der nach außen hin geschlossen ist. Innerhalb dieses Bereichs werden aus den Schülerinnen und Schülern neue Menschen gemacht: Ihre ‚gelehrigen Körper‘ (Michel Foucault) werden auf ein bestimmtes Ziel hin geformt, gebildet und diszipliniert.

Den Ausgangspunkt dieser Disziplinierung bildet ein Ritual: Alle Schülerinnen und Schülern müssen den ‚sprechenden Hut‘ aufsetzen – im englischen Original passenderweise ‚sorting hat‘ genannt. Diesen Hut kann man als Synonym des pädagogischen Apparats verstehen: Er verteilt die Neuankömmlinge entsprechend ihrer Veranlagungen so auf die vier Häuser, dass ihre hervorstechendsten Fähigkeiten bestmöglich entwickelt werden können.

Widerstand im Rahmen des Systems

Interessant ist dabei, dass Harry sich gegen den Hut zur Wehr setzt, als dieser ihn zunächst Slytherin zuweisen will. Das offenbart die Reichweite des pädagogischen Systems: Harry weiß um die Wirkung, der er unterliegt, kann sich ihr aber nicht vollends entziehen. Sein Widerstand bleibt innerhalb der Grenzen des Systems, er zieht das Haus Gryffindor vor. Allen vier Optionen der Zuweisung entsagen kann er aber nicht, da er schließlich ein Zauberer werden will, was nur im vorgegebenen Rahmen möglich ist.

Die funktionalen Gruppen, die so entstehen – die mutigen Gryffindors, die klugen Ravenclaws usw. –, werden dann intern weiter untergliedert und durch Hierarchien strukturiert. Auf diese Weise werden die Verhältnisse innerhalb der Gruppe gestaltet; alle wissen, welchen Anforderungen sie genügen oder nach welchen Normen und Regeln sie sich richten müssen.

Disziplin als Schutz

Doch wozu der ganze Aufwand? Das Ziel Hogwarts‘ deutet dessen Leiter Albus Dumbledore folgendermaßen an: “Das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist.” Die ‚totale Institution‘ schützt die Schülerinnen und Schüler daher vor sich selbst und erzieht sie zu ‚guten‘ Zauberern und Hexen. Damit erfüllt sie auch eine wichtige Funktion für die Gesellschaft. Denn das Böse, in Gestalt von Lord Voldemort, wird als Scheitern der Schule dargestellt, die nicht in der Lage war, den jungen Tom Riddle auf den richtigen Weg zu bringen.

big-quote-marks-openingDas Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist.big-quote-marks-closing  ALBUS DUMBLEDORE, SCHULLEITER, HOGWARTS-SCHULE FÜR HEXEREI UND ZAUBEREI

Die disziplinierende Macht innerhalb dieser Strukturen äußert sich darin, dass die Schüler die geltenden Regeln verinnerlichen, selbstständig befolgen und kontrollieren. Als anschauliches Beispiel für den langen Arm der Disziplin dient Neville Longbottom: Als Harry & Co. sich nachts hinausschleichen wollen, um den Stein der Weisen zu finden, versucht er, sie aufzuhalten. Ohne jeden äußeren Zwang tritt er hier für die Einhaltung der Regeln ein und da er sich seinen eigenen Freunden in den Weg stellt, zeigt er obendrein den Mut, der von ihm als einem Gryffindor erwartet wird.

Die Lust am Gehorchen

Über Mechanismen der Kontrolle und Disziplin wird hier also ein Subjekt geformt, das von ganz allein gehorcht; mehr noch, es entsteht ein Mensch, der gehorchen will – Foucault nennt das Subjektivierung. Eine zweite Figur, die die Disziplin in besonderem Maße verkörpert, ist Hermine, deren Wünsche und Ängste stets um die Anerkennung der Lehrerinnen und Lehrer kreisen: „Wir hätten alle sterben können – oder noch schlimmer, von der Schule verwiesen werden.“

big-quote-marks-openingWir hätten alle sterben können – oder noch schlimmer, von der Schule verwiesen werden.big-quote-marks-closing  HERMINE GRANGER, GRYFFINDOR

Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum Foucault das Internat als „vollkommenste Erziehungsform“ bezeichnet und Goffman von einer „totalen Institution“ spricht – einem  sozialen Ort, der alle Lebensbereiche durchdringt. Und genau dieser Hintergrund verleiht den Erlebnissen der drei Protagonisten seine Spannung und Dramatik: das Sich-Auflehnen gegen die Regeln, das Ausbrechen aus den Strukturen und die Abenteuer jenseits der Grenzen des Erlaubten.

Wie im echten Leben.


Von Maximilian Thieme und Alexander Hirschfeld

Maximilian Thieme ist Student der Soziologie und Philosophie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit besonderem Interesse an Wissenschaftssoziologie, Diskurstheorie und Kritischer Theorie.

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