Foucault und die Generation Sex

EIN INTERVIEW MIT DEM SOZIOLOGEN ALEXANDER HIRSCHFELD.

Erfahre hier mehr darüber:

  • Warum die sexuelle Revolution gar nicht so revolutionär war.
  • Warum die Argumente für und gegen sexuelle Befreiung aus einem Topf stammen.
  • Wie die vermeintlichen Befreier der Gesellschaft die Bedeutung von Eigeninteressen vorangetrieben haben.
  • Warum uns Freiheit immer auch einschränkt.

In den 60er-Jahren bildete sich eine junge links-liberale Bewegung, die aus den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft ausbrechen wollte und der rigiden Sexualmoral der damaligen Zeit mit einer „sexuellen Revolution“ den Kampf ansagte. Dass das so war, hat Foucault aber doch anders gesehen.

Auch, wenn Foucault in seinem ersten Band ‚Sexualität und Wahrheit‘ nicht über diese Bewegung schreibt, kann man es durchaus so sehen, dass er anderer Meinung ist. Foucault hat generell Spaß daran, den vermeintlich kritischen Leuten einen Spiegel vorzuhalten und ihnen zu sagen: Ihr seid vielleicht gar nicht so kritisch, wie ihr zu sein glaubt. Und das Thema Sexualität, mit dem er sich ausführlich beschäftigt, ist dafür ein sehr gutes Beispiel.

Er hat nämlich darauf hingewiesen, dass dieses ganze Gerede über Befreiung – darüber, dass man seine Gelüste, seine Triebe usw. ausleben muss – gar nicht so zufällig in den 60er-Jahren entstanden ist. Sondern dass die sexuelle Befreiung eine sehr, sehr lange Tradition hat und diese Tradition genau von den Leuten getragen wurde, die damals kritisiert wurden, nämlich vom Bürgertum. Denn diese Kreise haben ab dem 17./18. Jahrhundert begonnen, in der Literatur zunehmend die Sexualität zu thematisieren. Und da ging es um ganz ähnliche Sachen: um Freiheit, um Freizügigkeit, es ging darum, sich von Konventionen zu lösen und seine eigenen Gelüste auf eine andere Art und Weise als die bisherige zu befriedigen.

Und deswegen sagt Foucault: Das, was hier passiert, ist gar nichts grundlegend Neues, sondern man schließt an eine sehr bekannte Denkweise an – an die Idee, dass es so etwas wie Lüste und Triebe überhaupt gibt. Und laut Foucault ist die Vorstellung, dass so etwas existiert, ja auch eine Art Machtmechanismus, der uns einschränkt, weil wir können dann gar nicht mehr in anderen Kategorien über die Beziehung zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau, usw. denken.

Wie unterscheiden sich dann die konservativen, traditionellen Bürgerlichen von den Liberalen?

Foucault würde sagen, beide orientieren sich an dem gleichen Denkschema. Die konservativen Bürger gehen ja auch davon aus, dass es diese Lüste und Triebe grundsätzlich gibt. Sie meinen aber, dass sie durch rechtliche Institutionen – Stichwort Ehe, Heterosexualität etc. – reguliert und eingeschränkt werden müssen, um gesellschaftliche Ordnung zu bewahren.

Aber im Grunde – und darauf will Foucault eigentlich hinaus – gibt es eine gemeinsame Denkweise, die die Konservativen und die Liberalen bzw. Radikalen eint. Deswegen sind deren Perspektiven gar nicht so unterschiedlich, so Foucault. Die Macht und der Widerstand sind zwei Seiten derselben Medaille.

Da wären wir wieder bei den Vorstellungen und Strukturen, die man als Mensch schon verinnerlicht hat und aus denen man gar nicht mehr ausbrechen kann.

Genau. Diese Strukturen haben einerseits ihren Ursprung in der Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts und Foucault geht in manchen seiner Bücher noch weiter zurück, bis in die Antike. Aber er sagt, es sind vor allem auch die Wissenschaften, die diese Denkweisen vorangetrieben haben. Die wichtigste Figur ist da sicherlich Sigmund Freud, der gesagt hat, Lüste, Begierde, Triebe sind grundlegende Aspekte, die uns als Menschen ausmachen.

Diese Theorie hatte nachhaltigen Einfluss darauf, wie wir uns selbst und auch die Gesellschaft vorstellen: uns selbst als Personen, die sich verwirklichen und ihren Trieben freien Lauf lassen sollen. Und Gesellschaft stellen wir uns als eine soziale Organisation vor, die genau das ermöglichen soll. Das Schlagwort der 60er- und 70er-Jahre hieß sexuelle Aufklärung: In Schulen, der Familie, den Medien usw. wird über Sex kommuniziert. Die mit dieser neuen Freiheit verbundenen sozialen Zwänge kann man besonders leicht am Beispiel von Jugendzeitungen – wie etwa der Bravo – identifizieren. Hier werden ganz konkrete Vorstellungen darüber verbreitet, was in Bezug auf Sexualität normal ist und was nicht, z.B. wann man typischerweise das erste Mal Sex hat oder wie groß der Penis normalerweise ist.

Was hat diese vermeintlich kritische Bewegung verändert?

Man kann natürlich sagen, die 68er haben einen wichtigen Anteil daran gehabt, die Gesellschaft von rechtlichen Regularien zu befreien, die davor existiert haben. Aber gleichzeitig haben sie die Idee der Lust so stark forciert, dass sich darum wieder neue Institutionen aufbauen konnten. Heutzutage gibt es z.B. nichts Schlimmeres, als keine Interessen zu haben, nichts, wofür man brennt, nichts, wofür man sich wirklich begeistert.

Das ist der Effekt dieser Vorstellung von Selbstverwirklichung, die mit den 68ern entstanden und dann in die ganze Gesellschaft diffundiert ist. Diese Thematisierung von Sexualität war dabei ein zentraler Aspekt. Es wurde gesagt, wir dürfen uns nicht mehr von außen regieren lassen, sondern müssen von innen heraus die Dinge verändern. Und daran schließen heute viele Diskurse an. Wie schon erwähnt, wenn man heute nicht klar benennen kann, wofür man sich begeistert, dann hat man in vielen Kontexten große Probleme. Man denke nur mal an ein Bewerbungsschreiben. Da muss ganz klar rauskommen: „Das bin ich, das will ich erreichen, das macht mich aus.“ Das ist alles ein Vermächtnis dieser Entwicklung.

Hängt damit auch die immer stärker werdende Individualisierung der Gesellschaft und der wachsende Antrieb, seine eigenen Interessen durchzusetzen, zusammen? Man denke an die sogenannte Generation Y.

Also man kann natürlich sagen, dass das generell mit dem Prozess der Individualisierung verbunden ist. Foucault würde aber darauf bestehen, das differenzierter zu betrachten, weil Individualisierung heißt erst mal die Befreiung des Menschen von sozialen Institutionen. Und davon würde Foucault nie sprechen, sondern seiner Ansicht nach gibt es verschiedene Mechanismen, durch die die Gesellschaft den Menschen strukturiert – er nennt das Subjektivierung.

Auch das Recht verbietet ja nicht nur, sondern es schafft bestimmte Freiheiten. Die Menschen sind rechtlich auf bestimmte Art und Weise frei, sie haben z.B. das Recht auf Eigentum, aber gleichzeitig müssen sie diese rechtlichen Vorgaben auch befolgen und werden durch das Recht strukturiert. Das Eigentumsrecht sorgt ja z.B. auch dafür, dass ich nicht überall rumlaufen kann, wo ich will. Das Grundstück, das jemand anderem gehört, darf ich nicht ohne Erlaubnis betreten. Und außerdem – und der Punkt wäre Foucault wichtiger – fällt es einem vor dem Hintergrund des Eigentumsrechts schwer, in einer anderen Kategorien als „das gehört mir“ zu denken.

big-quote-marks-openingUnd es ist ja kein Zufall, dass man beim Durchsehen von 100 Bewerbungsschreiben nur drei lesen muss, um zu wissen, was in allen anderen 97 steht. big-quote-marks-closing

Wenn wir uns die Idee der Motivation ansehen, können wir sagen, auf der einen Seite ist man quasi frei von externen Einschränkungen und es geht darum, was man will. Auf der anderen Seite wird von anderen Menschen und gesellschaftlichen Institutionen ständig deine Motivation bzw. dein Engagement eingefordert, es entsteht also ein neuer Zwang. Darüber hinaus gibt es ein sehr klares Bild davon, was Motivation bedeutet. Im Feedbackgespräch mit der Chefin heißt es heute daher weniger, „du hast deine Aufgaben nicht gut erfüllt“, sondern eher „du hast dich nicht eingebracht“ oder „ich habe das Gefühl, dass du dich mit deiner Arbeit nicht identifizierst“.

Und es ist ja kein Zufall, dass man beim Durchsehen von 100 Bewerbungsschreiben nur drei lesen muss, um zu wissen, was in allen anderen 97 steht.

Abschließend zurück zur Sexualität: Wie fügt die sich ins Bild?

Naja, der Sex verkörpert heute etwas, was wir wollen und gleichzeitig auch etwas, was wir wollen müssen. Die sexuelle Lust ist, genau wie die Motivation, etwas, das man haben und ausleben muss. Tut man das nicht, dann gilt man als nicht normal.

Photo credit: IsabelleTheDreamer via Visualhunt / CC BY-NC-ND