Foucault und was er zu Macht zu sagen hat: 5 radikale Punkte

Ein Interview mit dem Soziologen Alexander Hirschfeld.

„Möge die Macht mit dir sein.“ Sie ist es!

In diesem Text findest du heraus:

  • Wie laut Foucault die Macht unseren Alltag durchdringt.
  • Warum wir uns (un)freiwillig der Macht unterwerfen.
  • Wer die Macht kontrolliert.
  • Warum auch Widerstand Teil der Macht ist.

Was sind deiner Meinung nach die Hauptaussagen zum Thema Macht bei Foucault?

Bevor wir auf diese Punkte zu sprechen kommen, muss man auf jeden Fall sagen, dass Foucault mit dem Thema großes Aufsehen erregt hat. Es gab enormen Widerstand gegen ihn und seine theoretischen Perspektiven. Foucault wurde für seine Thesen sowohl von den Linken als auch von den Konservativen stark kritisiert. In Deutschland führte das dazu, dass sein Werk erst spät einem breiten Publikum bekannt wurde. Und dieser Widerstand kam vor allem von Jürgen Habermas.

Weil seine Thesen zu radikal waren? Sie dem widersprochen haben, was die gängige Lehre sagt? Foucault damit jemandem auf die Füße getreten ist?

Alles drei. Es widersprach der gängigen Lehre, die durch Habermas und andere vertreten wurde. Und an dieser Lehre hangen bestimmte ethische und moralische Vorstellungen, wie diese Gesellschaft eigentlich auszusehen hat und wie man sie gestalten kann und soll. Und wie man als Intellektuelle, die sowohl Habermas als auch Foucault waren bzw. Habermas noch ist, die Gesellschaft kritisieren soll. Das ist ja ihre Aufgabe – in Feuilletons, in Zeitungen zu sagen: So wie die Gesellschaft ist, ist es problematisch, da müssen wir etwas anders machen. Und diese Theorien sind immer Ausgangspunkt einer Kritik.

Und um auf die wichtigsten Punkte von Foucaults Machttheorie zurückzukommen: Was macht seine Aussagen so radikal?

  1. Foucault stellt sich gegen die Idee der Aufklärung.

Die Idee der Aufklärung besagt, dass freies Denken, das ja mit der Wissenschaft in Verbindung gebracht wird, dabei hilft, sich von externen Machtstrukturen zu befreien – also von der Kirche, aber auch von anderen Hierarchien, die in der Gesellschaft existieren. Es wird davon ausgegangen, dass es Leute gibt, die aufgrund ihres Status oder ihrer Ressourcen über andere herrschen können, die Macht auf diese ausüben. Und die Wissenschaft, also die Macht des Wissens, befreit uns davon. Dieser klassischen Überlegung widerspricht Foucault. Er sagt: Das Wissen, das in der Wissenschaft produziert wird, wird in Institutionen gegossen und schränkt uns daher ebenfalls ein. Für ihn sind Macht und Wissen also keine Gegensätze.

  1. Es sind nicht Akteure, es ist Wissen, das Macht auf uns ausübt.

Es ist nicht so, dass es bestimmte Akteure in der Gesellschaft gibt, also einen Tyrannen oder eine Tyrannin – und in unterschiedlichen Kontexten dann kleine Tyranninen und Tyrannen, z.B. der Chef –, die die Macht haben und uns sagen, was wir tun sollen, sondern es ist ein breiteres Netzwerk, das vor allem aus Wissen besteht, welches uns auf eine bestimmte Art und Weise strukturiert. Denken wir zum Beispiel an die Institution Schule. Die hilft uns, etwas zu lernen, etwas zu wissen und befreit uns dadurch von externen Zwängen, z.B. werden wir durch sie ermächtigt, selbst zu entscheiden, was wir werden wollen und wo wir hinwollen usw.

Foucault würde hingegen sagen, die Schule ist an sich schon eine sehr restriktive Institution. Man wird auf eine konkrete Weise unterrichtet und mit ganz bestimmtem Wissen konfrontiert. Man wird einem rigiden Zeitsystem unterworfen, man muss zu einer gewissen Zeit da sein, muss sich auf eine gewisse Weise hinsetzen und so weiter. All das sind Machtmechanismen, die von der Psychologie, der Pädagogik usw. ausgehen und die unseren Schulalltag vorgeben, uns formen und strukturieren. Und damit komme ich zum dritten Punkt:

  1. Macht ist nicht nur etwas Negatives, sondern etwas Produktives.

Macht ist nicht nur etwas, das uns nur Verbote auferlegt, das sagt: Das dürft ihr, das dürft ihr nicht. Die Erziehungsinstitution Schule verbietet ja nicht nur, sondern sie schafft uns auch einen ganz bestimmten Alltag, der uns strukturiert und uns zu dem macht, was wir sind. Dadurch werden wir geformt, was einen Einfluss darauf hat, wie wir denken, fühlen und handeln, wie wir mit anderen interagieren. Außerdem sorgt die Schule z.B. dafür, dass wir nach neuem Wissen gieren, wir Dinge verstehen wollen Da braucht es keinen externen Zwang, sondern das ist etwas, das in uns übergeht. Damit verbunden ist der nächste Punkt, nämlich:

  1. Es gibt kein Zentrum der Macht.

– Foucault geht nicht davon aus, dass es „die da oben“ und „die da unten“ gibt.

– Er geht nicht davon aus, dass es ein Zentrum gibt, von dem Macht ausgeübt wird, beispielsweise vom Staat, wie es bei den meisten sozialwissenschaftlichen Theorien der Fall ist.

– Und er geht nicht davon aus, dass es ein Monopol an Macht gibt, so wie das klassische Gewaltmonopol des Staates.

Man könnte ja auch bei der Schule sagen, sie sei deswegen eine Machtinstitution, weil sie an den Staat gekoppelt ist und der Staat im Zweifelsfall die Gewalt über die Schüler hat – Stichwort Schulpflicht. Aber Foucault sagt: Macht geht viel weiter. Auch der Lehrplan ist Teil der Macht, das Schulgebäude, die Anordnung der Schüler in der Klasse, die Aufteilung in verschieden Fächer, die Tatsache, dass man bestimmte Leistungen erfüllen muss, um in die nächste Klasse aufzusteigen, die Überwachung und Kontrolle, die nicht auf den Lehrer beschränkt sind, sondern auch von den Schülern und Eltern verinnerlicht sind, z.B. wenn Schüler A den abschreibenden Schüler B beim Lehrer verpetzt, usw.

Foucault ist also kein Verschwörungstheoretiker.

Genau, ein Verschwörungstheoretiker ist er eben nicht. Er sagt nicht: Hinter der Macht steckt die eine Institution Staat. Oder es ist dieser eine Akteur oder diese spezifische Gruppe, die die Machtstruktur mit Absicht baut, um den Rest der Gesellschaft zu beherrschen. Foucault meint, Macht geht von weitreichenden Mechanismen aus, die historisch entstanden sind. Und so kommen wir auch zum letzten wichtigen Punkt, der schon anklang:

  1. Macht ist immer etwas, das mit Widerstand einhergeht.

Es gibt immer Macht und zugleich immer Personen, die sich dagegen auflehnen. Foucault sagt, dass auch Widerstand durch die Machtmechanismen strukturiert und bedingt ist. Nur, wenn man weiß, wie Macht funktioniert und was ihre Strategie und Intention ist, kann man verstehen, wie Auflehnung dagegen funktioniert. Der Rebell, der sagt, ihm seien Schule und Noten egal, der zu jeder Stunde zu spät kommt und im Unterricht spricht, knüpft mit seinem sozialen Widerstand an genau diese Machtmechanismen an. Darüber konstituiert sich der Widerstand, er orientiert sich an der Macht und ist damit auch Teil der Macht. Ebenso ist die Sanktion des Lehrers – „Wenn du nochmal zu spät kommst, dann…“ – eine Art, wie der Machtmechanismus funktioniert und sich reproduziert.

Es gibt kein Monopol auf Macht, ok. Von welchen Institutionen aber wird die Macht am stärksten beeinflusst?

Das ist eine Frage, auf die man bei Foucault eigentlich keine Antwort bekommt, weil seine Theorie in die entgegengesetzte Richtung geht. Nicht eine bestimmte Institution, ein konkreter Ort, sondern gerade viele verschiedene Punkte sind es, die Macht hervorbringen.

Aber es gibt doch einige wissenschaftliche Disziplinen und Orte, die in den jeweiligen Gesellschaften besonders wichtig sind, das kann man aus Foucaults Schriften herauslesen. Das sind vor allem die Humanwissenschaften. Wenn man sich sein Werk „Überwachen und Strafen“ ansieht, gibt es da gewisse disziplinierende Institutionen, er nennt zum Beispiel das Gefängnis, aber auch die Schule, die Klinik,… – also Institutionen, die eine gewisse Nähe zum Staat haben, aber auch solche, die nicht direkt zum Staatsapparat gehören, und in denen Menschen in ihrer Entwicklung geformt, gebildet, oder – wie er es nennt – diszipliniert werden.

Wie durchdringt die Macht unseren Alltag, das tägliche Leben des Einzelnen?

Die Macht ist nichts, was wir selektiv zu spüren bekommen, weil uns jemand einen Befehl gibt. Foucault würde Macht nicht darauf reduzieren, dass wir alle paar Tage mal mit der Polizei in Kontakt kommen, die uns aufhält, weil wir kein Licht am Fahrrad haben. Macht äußerst sich gerade darin, dass wir uns in dem Moment, wo wir mit dem Rad fahren, bewusst machen, dass wir auf der rechten Seite fahren müssen, weil wir sonst in den Gegenverkehr kommen und nicht im Kontext der Straßenverkehrsordnung unterwegs sind. Dass wir um eine bestimmte Uhrzeit aufstehen, weil die Arbeit um 8:00 Uhr losgeht bzw. dass wir selbst, wenn es nicht offiziell um 8:00 Uhr losgeht, schon im Büro sind, weil das Teil der Unternehmenskultur ist, usw.
Das heißt, wir haben die Macht verinnerlicht.

Genau, es hat eine Verinnerlichung stattgefunden. Das ist ganz ähnlich wie der Begriff der Herrschaft bei Max Weber. Es entsteht ein „Gehorchen-Wollen“, es bedarf gar nicht mehr der externen Mechanismen, damit wir die Regeln befolgen. Foucault nennt das Subjektivierung. Wir werden durch das Wissen und die Institutionen um uns herum zu ganz bestimmten Subjekten gemacht, die gewisse Dinge wollen. Wir wollen dann beispielsweise auch um eine konkrete Uhrzeit da sein und sind wahrscheinlich unzufrieden, wenn wir zu spät kommen.

Fassen wir abschließend doch nochmal die fünf Kernpunkte von Foucaults Machttheorie zusammen.

  1. Kritik an der Aufklärung und Kritik an Leuten wie Habermas, die immer sagen, die Wissenschaft befreit uns von den unterschiedlichen Tyrannen unserer Gesellschaft.
  1. Es sind nicht die Akteure selbst, die die Macht ausüben. Stattdessen sind es verschiedene Wissensformen und Institutionen um uns herum, also z.B. bestimmte pädagogische Prinzipien, die Vorstellung, dass wir bestimmte Dinge lernen sollen, usw.
  1. Macht ist nichts Negatives, das nur Dinge verbietet, sondern etwas Produktives. Sie bringt uns und das, was wir wollen und sind, erst hervor. Macht beeinflusst unsere Begierden, unsere Gelüste.
  1. Es sind nicht Monopolisierung oder Zentralisierung, die Machtmechanismen ausmachen. Es ist nicht der eine Staat oder gesellschaftliche Eliten, sondern unterschiedliche Institutionen, die alle eine Art Macht oder politische Wirkung haben, also die Schule, der Lehrplan, das Zeitmanagement, das man verinnerlicht hat, etc.
  1. Widerstand ist immer Teil der Macht. Es ist nichts, was von außen kommt und keinen Bezug zur Gesellschaft hat, sondern Widerstand orientiert sich immer an den Normen, die von den Mechanismen der Disziplinierung vorgegeben werden.

 

Gibt es ein eindrucksvolles Zitat von Foucault zum Thema Macht, das man kennen sollte?

Es gibt natürlich viele schöne Aussagen, aber was mir am stärksten im Gedächtnis geblieben ist: „Die Macht ist nicht so sehr etwas, was jemand besitzt, sondern vielmehr etwas, was sich entfaltet […].“ (aus Überwachen und Strafen, Suhrkamp 1994, S. 38)

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